Heute geht es wieder solo weiter. Ricardo plant aufgrund seiner Fussprobleme nur eine kurze Etappe, also verabschieden wir uns von ihm und wünschen gute Besserung. Während Carol und Jose schon losmarschieren, packe ich noch meine letzen Sachen und hole mir in der Bäckerei einen Kaffee und ein Pain au Chocolat.
Mein Tagesziel ist Livinhac le Haut, ein kleines Dorf nach Decazeville, wo ich mir zur Abwechslung sogar schon ein Bett reserviert habe. Die Sonne scheint, ich bin ausgeruht, der Tag beginnt vielversprechend… doch das ändert sich bald.

Der Weg führt mich über kleine Strassen in Richtung Decazeville. Als ich ca. die Hälfte der Tagesetappe erreiche, stehe ich an einer Kreuzung. Eine Frau, die vor mir läuft biegt auf eine Wiese ab und setzt sich hin um Pause zu machen. Ich schaue mich um und entdecke in der Ferne ein Wanderwegschild. Komisch, die Karte auf meinem Telefon zeigt einen anderen Weg an, aber die Schilder werden schon stimmen denke ich mir. Es geht steil bergab und als ich durch einen schönen Wald laufe, irritiert mich etwas. Der Weg ist voller Spinnennetze, so als ob schon lange niemand mehr durchgelaufen ist, ich weiss jedoch, dass ein paar Leute vor mir sind. Während ich versuche herauszufinden, wo ich bin, stehe ich plötzlich im Garten eines Hauses. Der Besitzer kommt heraus und ich entschuldige mich fürs ungewollte Eindringen, doch er nimmt es gelassen.
Er bestätigt meinen Verdacht: Ich habe wohl eine falsche Abzweigung genommen und befinde mich auf einer Alternativroute. Wodurch der Weg führt und wie weit der Umweg ist kann er mir aber leider nicht sagen.
Die steile bergauf Strecke zurückzugehen, würde sicher ca. 1 bis 2 Stunden dauern, worauf ich absolut keine Lust habe. Ich beschliesse also weiter den Schildern zu folgen. Ein Blick auf die Karte verrät mir aber, dass ich mich immer weiter von Decazeville entferne. Nach etwas hin und her, entscheide ich mich der Strasse entlang nach Decazeville zu laufen. Inzwischen ist es richtig heiss geworden, Wasser ist auch fast aufgebraucht. Bushaltestellen gibt es an der Strasse, aber in den nächsten Stunden kein Bus.
Nach einer gefühlten Ewigkeit in der prallen Sonne sehe ich endlich einen Aldi, wo ich mit einem kalten Getränk im Schatten Pause mache.
Mit einem Umweg von rund zehn Kilometer erreiche ich Decazeville. Die Stadt entstand im 19. Jahrhundert während der industriellen Revolution und war lange ein Zentrum des Kohlebergbaus. Heute ist sie ein ruhiger Zwischenstopp auf der Via Podiensis. Ich mache einen kurzen Abstecher ins Zentrum, bevor ich die letzten Kilometer nach Livinhac le Haut starte.
Kurz vor dem Ziel treffe ich die anderen wieder. Sie sitzen unter einem Baum im Schatten und sehen deutlich entspannter aus als ich. Gemeinsam gehen wir die letzten Meter bis Livinhac. Wir haben alle in verschiedenen Gîtes reserviert. Ich teile heute ein Zimmer mit zwei Französinnen und einer Deutschen. Der Abend endet gemütlich im grossen Garten bei ein paar Bieren und einer französischen Version des Kartenspiels «Tschau Sepp».
Manchmal läuft es nicht wie geplant. Man verläuft sich, schwitzt, flucht und fragt sich, warum man das macht. Doch genau diese Tage bleiben meist am längsten in Erinnerung. Das sind die Geschichten, die den Jakobsweg ausmachen.





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